Der Anruf
Die Pflegedienstleitung ruft an: Ihre Mutter lasse sich seit Tagen nicht mehr waschen, spucke die Tabletten aus, schiebe das Essen weg. Man fragt Sie, was man tun solle — und im Unterton schwingt mit, dass Sie als Tochter oder Sohn das jetzt entscheiden.
Das ist der Punkt, an dem fast alle Familien falsch abbiegen. Beginnen wir mit dem, was rechtlich gilt.
Ablehnen ist ein Recht, kein Symptom
Jede medizinische und pflegerische Maßnahme braucht eine Einwilligung. Wer einwilligungsfähig ist, darf sie verweigern — Waschen, Tabletten, Essen, eine Untersuchung —, und zwar auch dann, wenn die Entscheidung aus ärztlicher Sicht unvernünftig ist. Ein Mensch verliert dieses Recht nicht dadurch, dass er in einem Heim lebt.
Und wenn eine rechtliche Betreuung besteht: Auch dann entscheidet nicht der Betreuer nach eigenem Ermessen. Seit der Reform ist er ausdrücklich an die Wünsche der betreuten Person gebunden, nicht an das, was Angehörige für vernünftig halten.
Die Regel, die viele überrascht
Und wenn Ihre Mutter nicht mehr einwilligungsfähig ist und sich trotzdem wehrt? Dann greift eine deutsche Besonderheit, die kaum jemand kennt. Eine ärztliche Zwangsmaßnahme — also eine Behandlung gegen den natürlichen Willen — ist nur unter engen Voraussetzungen zulässig: Sie braucht die Genehmigung des Betreuungsgerichts, sie setzt voraus, dass zuvor ernsthaft versucht wurde, die Person zu überzeugen, und sie darf grundsätzlich nur stationär im Krankenhaus durchgeführt werden.
Praktisch heißt das: Im Pflegeheim gibt es keine legale Zwangsbehandlung nebenbei. Wer Ihnen sagt, man werde die Tabletten „eben ins Essen tun", beschreibt keine Lösung, sondern eine Maßnahme, die eine gerichtliche Grundlage bräuchte und in diesem Rahmen nicht zu haben ist.
Bevor Sie über Recht sprechen: die drei Ursachen
In den allermeisten Fällen ist die Ablehnung keine Willensentscheidung, sondern eine Mitteilung. Lassen Sie diese drei prüfen, in dieser Reihenfolge:
- Schmerzen. Wer beim Bewegen Schmerzen hat, wehrt sich gegen die Körperpflege. Bei Demenz wird das nicht in Worten gesagt. Fragen Sie: „Wurde der Schmerz mit einem Beobachtungsinstrument erfasst, und wann?"
- Delir. Eine Ablehnung, die über Tage neu entstanden ist, mit schwankender Verwirrtheit, ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Delir: Harnwegsinfekt, Austrocknung, Verstopfung, neues Medikament.
- Die Situation selbst. Fremde Hände, kaltes Wasser, ein Mann, der eine Frau wäscht, die das nie erlebt hat, Hektik um sieben Uhr früh. Dagegen wehrt sich jeder — es sieht nur bei einer 88-Jährigen wie „Verweigerung" aus.
Bei den Tabletten kommt eine vierte Ursache dazu: Schluckstörungen. Wer sich beim Schlucken verschluckt, spuckt Tabletten aus. Das ist ein Fall für die Logopädie und für eine Prüfung der Darreichungsform, nicht für Überredung.
Was Sie verlangen
- Eine Überprüfung der gesamten Medikation. Welche Tabletten sind bei einem Menschen in dieser Lage überhaupt noch sinnvoll? Cholesterinsenker, Osteoporosemittel und manches andere lassen sich oft streichen — dann ist die Frage der Verweigerung zur Hälfte gelöst.
- Alternative Darreichungsformen: Tropfen, Schmelztabletten, Pflaster.
- Eine andere Pflegesituation: eine andere Tageszeit, dieselbe Pflegekraft, gleichgeschlechtliche Pflege, Waschen in Etappen statt der vollständigen Dusche, Ankündigen statt Anfassen.
- Dass beides in der Pflegeplanung steht — was versucht wurde, was funktioniert hat, und wie oft die Ablehnung tatsächlich auftritt. „Sie verweigert immer" ist meist eine Erinnerung, kein Befund.
Was Sie nicht akzeptieren
Medikamente heimlich ins Essen. Das ist keine pflegerische Praxis, sondern eine Maßnahme gegen den Willen, ohne die Grundlage, die sie bräuchte.
Ein Neuroleptikum, damit die Pflege „geht". Ein Medikament, das Abwehr dämpfen soll, ist eine freiheitsentziehende Maßnahme im medikamentösen Gewand — und braucht bei bestehender Betreuung die Genehmigung des Betreuungsgerichts.
Festhalten zu zweit als Routine. Einmalig in einer Notlage ist etwas anderes als ein tägliches Vorgehen, das in keiner Akte steht.
Wenn es ernst wird
Wenn die Ablehnung Essen und Trinken betrifft und anhält, ist das kein Verhaltensproblem, sondern eine medizinische und am Ende auch eine ethische Frage. Verlangen Sie ein Gespräch mit Hausarzt und Pflegedienstleitung über das Behandlungsziel, und bringen Sie die Patientenverfügung mit, falls es eine gibt: Sie ist bindend, wenn sie auf die Situation passt. Eine Magensonde verlängert bei fortgeschrittener Demenz das Leben in der Regel nicht und verbessert es nicht — die Frage „welches Ziel verfolgen wir damit?" dürfen Sie stellen, und Sie dürfen sie verneinen.
Wenn nichts geschieht
- Schriftliche Bitte um ein Gespräch mit Pflegedienstleitung und Hausarzt, mit Aufnahme in die Pflegeplanung.
- Einsicht in die Pflegedokumentation: Was wurde versucht, wie oft, mit welchem Ergebnis?
- Das Betreuungsgericht, wenn Maßnahmen gegen den Willen stattfinden, und die Heimaufsicht des Landes, wenn das Haus systematisch mit Zwang statt mit Zeit arbeitet.
- Pflegekasse und Medizinischer Dienst für die Pflegequalität.
Und wenn es am Haus liegt
Ein Mensch, der sich wehrt, braucht Zeit, Kontinuität und immer dieselben Hände. Ein Haus mit hoher Fluktuation und dünnem Frühdienst kann das nicht liefern — und nennt es dann Verweigerung.
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Dieser Artikel ist eine allgemeine Information für Angehörige und ersetzt keine Rechts- oder medizinische Beratung. Über Einwilligungsfähigkeit und Behandlung entscheiden die behandelnden Fachpersonen, über Zwangsmaßnahmen das Betreuungsgericht. Curalune vergibt keine Heimplätze und garantiert keine Verfügbarkeit.