Der Anruf
Die Pflegedienstleitung ruft an: Ihre Mutter lasse sich seit Tagen nicht waschen, spucke die Tabletten aus, schiebe das Essen weg. Man fragt Sie, was zu tun sei — und im Unterton steht, dass Sie das jetzt entscheiden sollen.
Genau hier biegen die meisten Familien falsch ab. Beginnen wir mit dem, was rechtlich gilt.
Ablehnen ist ein Recht, kein Symptom
Jede Behandlung und jede pflegerische Maßnahme setzt eine Einwilligung voraus. Wer entscheidungsfähig ist, darf sie verweigern — Waschen, Tabletten, Essen, eine Untersuchung —, auch wenn die Entscheidung aus ärztlicher Sicht unvernünftig erscheint. Das Leben im Heim ändert daran nichts.
Und wenn eine Erwachsenenvertretung besteht: Seit der Reform gilt, dass die vertretene Person so weit wie möglich selbst handelt und dass die Vertretung nur so weit reicht, wie das Gericht sie bestimmt hat. Sie ist kein Ersatzwille der Familie.
Falls Ihre Mutter eine Patientenverfügung errichtet hat, prüfen Sie, ob sie verbindlich oder beachtlich ist — das ist die österreichische Unterscheidung — und ob das Heim eine Kopie in der Dokumentation hat. Eine Verfügung, die zu Hause im Ordner liegt, existiert um drei Uhr früh nicht.
Was passiert, wenn das Haus zum Medikament greift
Hier liegt der spezifisch österreichische Hebel, und er ist stark. Ein Medikament, das gegeben wird, um Abwehr zu dämpfen und den Bewegungsdrang zu unterdrücken, ist eine Freiheitsbeschränkung nach dem Heimaufenthaltsgesetz. Daraus folgt:
- Sie braucht eine ärztliche Begründung im Einzelfall, muss verhältnismäßig und befristet sein und ist zu dokumentieren.
- Sie ist der Bewohnervertretung zu melden — einer unabhängigen Stelle, die nicht zum Heim gehört.
- Die Bewohnervertretung kann sie gerichtlich überprüfen lassen, und das kostet Sie nichts.
Fragen Sie deshalb: „Wurde die Medikation verändert? Falls ja: Ist das als Freiheitsbeschränkung dokumentiert und der Bewohnervertretung gemeldet worden?"
Vor dem Recht: die drei Ursachen
- Schmerzen. Wer beim Bewegen Schmerzen hat, wehrt sich gegen die Körperpflege. Bei Demenz wird das nicht in Worten gesagt. Fragen Sie nach einer Schmerzerfassung mit einem Beobachtungsinstrument.
- Delir. Eine Ablehnung, die über Tage neu entstanden ist, mit schwankender Verwirrtheit, ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Delir: Harnwegsinfekt, Austrocknung, Verstopfung, neues Medikament.
- Die Situation selbst. Fremde Hände, kaltes Wasser, ein Mann, der eine Frau wäscht, die das nie erlebt hat, Hektik um sieben Uhr früh. Dagegen wehrt sich jeder — es heißt nur mit 88 „Verweigerung".
Bei den Tabletten kommt eine vierte Ursache dazu, die kaum jemand prüft: Schluckstörungen. Wer sich verschluckt, spuckt Tabletten aus. Das ist ein Fall für die Logopädie und für die Darreichungsform.
Was Sie verlangen
- Eine Überprüfung der gesamten Medikation — welche Tabletten sind in dieser Lebensphase überhaupt noch sinnvoll?
- Andere Darreichungsformen: Tropfen, Schmelztabletten, Pflaster.
- Eine andere Pflegesituation: andere Tageszeit, dieselbe Pflegekraft, gleichgeschlechtliche Pflege, Waschen in Etappen, Ankündigen statt Anfassen.
- Alles in der Pflegeplanung, samt der Angabe, wie oft die Ablehnung tatsächlich vorkommt. „Sie verweigert immer" ist meist eine Erinnerung, kein Befund.
Und der Satz, der die halbe Sache löst: Wer um sieben Uhr ablehnt und um elf zustimmt, hat kein Verweigerungsproblem, sondern ein Dienstplanproblem.
Was Sie nicht akzeptieren
Medikamente heimlich im Essen. Das ist keine Pflegepraxis, sondern eine Maßnahme ohne Einwilligung; sie gehört offen mit dem Arzt besprochen und dokumentiert.
Festhalten zu zweit als Routine. Einmalig in einer Notlage ist etwas anderes als ein tägliches Vorgehen, das in keiner Akte steht — auch das ist eine Freiheitsbeschränkung.
Wenn es ernst wird
Wenn die Ablehnung Essen und Trinken betrifft und anhält, ist das keine Verhaltensfrage mehr. Verlangen Sie ein Gespräch mit Hausarzt und Pflegedienstleitung über das Behandlungsziel und bringen Sie die Patientenverfügung mit. Bei fortgeschrittener Demenz verlängert eine Sonde das Leben in der Regel nicht und verbessert es nicht.
Wenn nichts geschieht
- Schriftliche Bitte um ein Gespräch mit Pflegedienstleitung und Hausarzt, mit Aufnahme in die Pflegeplanung.
- Einsicht in die Pflegedokumentation.
- Die Bewohnervertretung — unabhängig, kostenlos, und der wirksamste Hebel bei allem, was nach medikamentöser Dämpfung aussieht.
- Die Heimaufsicht des Landes, wenn das Haus systematisch mit Zwang statt mit Zeit arbeitet.
Und wenn es am Haus liegt
Ein Mensch, der sich wehrt, braucht Zeit, Kontinuität und immer dieselben Hände. Ein Haus mit hoher Fluktuation und dünnem Frühdienst kann das nicht liefern — und nennt es dann Verweigerung.
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Dieser Artikel ist eine allgemeine Information für Angehörige und ersetzt keine Rechts- oder medizinische Beratung. Über Entscheidungsfähigkeit und Behandlung entscheiden die behandelnden Fachpersonen. Curalune vergibt keine Heimplätze und garantiert keine Verfügbarkeit.